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PDA: Ein tiefes Bedürfnis nach Autonomie – Ursachen, Auswirkungen und Strategien zur Unterstützung


Kind mit Schild Nein AdobeStock 46060674 kleinEinführung

Über meine Arbeit mit Kindern, die Probleme mit dem Schulbesuch haben, vor allem Schulangst, Schulverweigerung und Schulabsentismus, stieß ich auf eine neue Bezeichnung - PDA¹ ("Pathological Demand Avoidance"). Dieser Begriff beschreibt ein Verhalten, auf Anforderungen mit Abwehr zu reagieren.

¹ PDA wird psychologisch oft als Profilvariante im Autismus-Spektrum diskutiert, ist jedoch keine offizielle ICD-10-Diagnose und tritt auch ohne Autismus auf. Aus Praxis-Sicht steht primär die biochemische Regulation des Nervensystems im Zentrum - eine spannende Forschungslücke.

Diese Definition wird den Kindern jedoch nicht gerecht. Ich wäre dafür, die Namensgebung dieses Verhaltens nochmal zu überdenken. Wie wäre es, PDA stattdessen mit "protective demand avoidance" zu übersetzen, was den Fokus auf den eigentlichen Kern des Verhaltens legt: Verweigerung zum Schutz.

Alle PDA-Kinder, die ich bislang kennenlernen durfte, hatten stark persistierende (fortbestehende) frühkindliche Reflexe - vor allem Furcht-Lähmungs-Reflex und Moro-Reflex testeten bei jedem dieser Kinder stark positiv. Diese Reflexe sind physiologisch angelegte Überlebensreflexe, die später von reiferen Nervensystem-Reaktionen, wie der reifen Schreckreaktion abgelöst werden.


Kind liegt auf Steg AdobeStock 34570411 kleinBei persistierenden Reflexen von pathologisch zu sprechen, kommt mir nicht in den Sinn - vielmehr sind persistierende Restreaktionen frühkindlicher Reflexe ein Ausdruck von Unreife des Nervensystems.

Und jetzt kommt die spannendste Frage zum Thema - wir gehen noch eine Ebene tiefer: Warum bestehen bei manchen Kindern diese Reflexe noch so stark fort und bei anderen nicht? Aus meiner Sicht gibt es hier drei Hauptfaktoren: Stress, Trauma, Stoffwechsel (Nerven nicht genügend "genährt").

Wenn wir diese Faktoren genauer betrachten, zeigen sich klare Wege in der Therapie auf: Traumabearbeitung, biochemische Regulationswege des Stoffwechsels (über Labordiagnostik, Mikronährstoffe, Ernährung), Reflexintegrationstherapie und Stressreduktion (Stichworte: neuroregulative Umgebungen + PANDA-Strategien).

Wenn wir über diese Nervensystem-regulierende Maßnahmen wirken, können wir die Nerven stärken, die Intensität der Reaktionen verringern und dadurch die Abwehrreaktion reduzieren.

Neuroregulative Lernumgebungen sind aus meiner Sicht kein "Nice-to-have", sondern eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Kinder mit "Nerven am Limit" überhaupt Bildung erfahren können. Kinder mit hoher Stressvulnerabilität - insbesondere in integrativen Settings - stehen derzeit kaum Räume zur Verfügung, in denen Reizreduktion, Sicherheit und Regulation systematisch mitgedacht und gestaltet werden.
Mit dem Begriff neuroregulative Lernumgebungen bezeichne ich Bildungsräume, in denen Architektur, Einrichtung, Tagesstruktur und Beziehungskultur gezielt so gestaltet werden, dass sie die Regulation des kindlichen Nervensystems unterstützen, Überreizung vorbeugen und Rückzug wie Mitbestimmung ermöglichen. Solche Umgebungen schaffen nicht nur Entlastung für Kinder mit ausgeprägter Stress- und Reizsensibilität, sondern verbessern nachweislich auch Lern- und Beziehungsqualität für alle Beteiligten.


Die Rolle von Furcht-Lähmungs-Reflex und Moro-Reflex

Kinder mit PDA erleben oft einen intensiven inneren Widerstand gegen neue Anforderungen. Dieser Widerstand ist nicht willkürlich, sondern tief in ihren biologischen Reflexen verankert. Zwei zentrale Reflexe spielen dabei eine Rolle:

Furcht-Lähmungs-Reflex: Dieser Reflex ist eine frühkindliche Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen. Er führt dazu, dass das Kind in einer bedrohlichen Situation erstarrt und sich der Anforderung entzieht.

Moro-Reflex: Auch als Schreckreflex bekannt, wird dieser Reflex durch plötzliche Reize ausgelöst und führt zu einer Alarmreaktion des Körpers, begleitet von einem Anstieg der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol.

Kind hält sich erschrocken den Kopf AdobeStock 467335594 kleinWenn diese Reflexe bei Kindern mit PDA aktiviert werden, können sie eine starke Angstreaktion hervorrufen, die es ihnen nahezu unmöglich macht, neuen Anforderungen nachzukommen. Ihre mentale Kapazität wird von der akuten Stressreaktion überlagert, was zu einer reduzierten Kooperationsbereitschaft führt.



Schau dir hier eine tolle Erklärung des Moro-Reflexes an (unbedingt beide Videos anschauen) von meiner lieben Kollegin Angela Wilde:

Youtube-Video 1: Die frühkindliche Moro-Reaktion oder Moro-Reflex
Youtube-Video 2: Wenn Kinder sich verweigern

Strategien zur Unterstützung: Vorlaufzeit und Autonomie

Eine der wirksamsten Strategien im Umgang mit Kindern, die unter PDA oder Furcht-Lähmungs- oder Moro-Reaktionen leiden, ist das Management von Anforderungen. Indem man Anforderungen frühzeitig ankündigt und ihnen genügend Vorlaufzeit gibt, kann die intensive Angstreaktion abgeschwächt werden. Wenn Kinder genau wissen, was auf sie zukommt, und ausreichend Zeit haben, sich mental darauf vorzubereiten, steigt ihre Bereitschaft zur Kooperation.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Art und Weise, wie Anforderungen präsentiert werden. Anstatt direkte Befehle zu erteilen, sollte man eher Angebote machen, die dem Kind Wahlmöglichkeiten lassen. Beispielsweise könnte man eine Auswahl von Aktivitäten in Form von Kärtchen präsentieren, aus denen das Kind selbst entscheiden kann, was es tun möchte. Diese Herangehensweise gibt dem Kind ein Gefühl der Kontrolle und reduziert das Stressniveau erheblich.


Panda AdobeStock 318433622 kleinStrategien zur Unterstützung: Die Panda-Regeln

Die PDA-Society empfiehlt im Umgang mit PDA die Panda-Regeln. Diese Regeln dienen dazu, das Kind aus dem Überlebens-Modus herauszuholen, indem man mit ihm sanft, wie mit einem kleinen Panda, umgeht. Die folgende Grafik stammt von der PDA-Society und kann über diesen Link heruntergeladen werden.

 

panda strategien

 

Die Vorteile von Eigenständigkeit

Es ist wichtig anzuerkennen, dass das Bedürfnis nach Autonomie nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Stärke sein kann. Kinder mit PDA entwickeln oft einzigartige Fähigkeiten und Ideen, da sie sich nicht blind an Anweisungen halten. Diese Eigenständigkeit fördert ihre Kreativität und Problemlösungsfähigkeiten.

Anxiety als Hauptursache

Der Schlüssel zum Verständnis von PDA liegt in der „anxiety“ (Angst), die durch die ständige Aktivierung des Furcht-Lähmungs- und Moro-Reflexes entsteht. Die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol führt zu einer Überforderung des Nervensystems. Diese Stresshormone beeinträchtigen die kognitiven Fähigkeiten und erschweren es den Kindern, Anforderungen zu bewältigen oder kooperativ zu reagieren.

Strategien zur Reduzierung von Anxiety

Um Menschen mit PDA zu unterstützen, ist das Management der Anxiety entscheidend. Hier sind einige bewährte Methoden:

Biochemische Regulation: Durch genaue Laboranalysen können wir herausfinden, was die Nerven reizt bzw. nicht reifen lässt. Durch schmerzfreie Labordiagnostik können wir Belastungen identifizieren und die Stoffwechsel- und Neurotransmitterlage genau einordnen, um die Nervensysteme der PDA-Kinder durch Mikronährstoffe (und evtl. Anpassungen der Ernährung) gezielt zu unterstützen.

Reflexintegrationstherapie: Methoden wie Quantum Reflex Integration (QRI), INPP (Institut für Neuro-Physiologische Psychologie) und RIT (Reflexintegrations-Therapie) zielen darauf ab, die frühkindlichen Reflexe zu integrieren und so die Stressreaktionen zu minimieren.

Sensorische Integrationstherapie: Die sensorische Integrationstherapie arbeitet gezielt daran, das Gehirn zu trainieren, sensorische Informationen besser zu verarbeiten. Gezielte Übungen trainieren das Gehirn zur besseren Verarbeitung sensorischer Reize. Dadurch kann eine gezielte sensorische Nachorganisation erfolgen.
Kind meditiert AdobeStock 250768510 klein
Yoga und Meditation: Diese Techniken fördern die Entspannung und helfen, das Nervensystem zu beruhigen.

Waldspaziergänge und digital detox: Natürliche Umgebungen und der (wenn auch nur zeitweise) Verzicht auf digitale Reize können das Stressniveau erheblich senken.

Morgen- und Abendrituale: Feste Rituale geben Sicherheit und helfen, den Tag strukturiert zu beginnen und abzuschließen.

Selbstbestimmung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Indem man dem Kind die Kontrolle über seine Therapie und Aktivitäten gibt, fördert man seine Bereitschaft zur Teilnahme und reduziert gleichzeitig den Stress.

 

QRI bonnie with laser 1 1080x640Ganzheitliche Kindertherapie

Laserakupunktur, Akupressur, Meridiandehnübungen, kinesiologische Übungen, Phonophorese sowie QRI-Reflexintegration (Quantum Reflex Integration) können bei der Reduzierung von Angstreaktionen hilfreich sein. Die ganzheitliche Kindertherapie, wie sie von Dorina Jacob angeboten wird, trägt über die Anwendung dieser und weiterer Methoden dazu bei, das Gleichgewicht im Körper wiederherzustellen und die Stressreaktionen zu mindern.

 

Adrenal Fatigue: Vermeidung und Behandlung

Ein langfristig hoher Stresspegel kann zu einer Erschöpfung der Nebennieren führen, bekannt als „adrenal fatigue“. Dieser Zustand tritt auf, wenn die Nebennieren nicht mehr in der Lage sind, ausreichend Stresshormone zu produzieren, was zu chronischer Müdigkeit, Schlafstörungen und anderen gesundheitlichen Problemen führen kann.

Zur Prävention und Behandlung von adrenal fatigue sind folgende Maßnahmen empfehlenswert:

Regelmäßige Ruhepausen: Ausreichende Erholung und Schlaf sind essenziell.
Stressreduktion: Durch Yoga, Meditation und Reflexintegrationstherapie kann der Stresspegel gesenkt und die Nebennieren entlastet werden.
Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen unterstützt die Funktion der Nebennieren.

Fazit

Das Management von Anxiety ist der Schlüssel zu einem stressreduzierten Leben für Menschen mit PDA und ihre Angehörigen. Indem man die Ursachen versteht und Strategien entwickelt, um die Stressreaktionen zu minimieren, kann man die Lebensqualität erheblich verbessern. Selbstbestimmung, frühzeitige Ankündigungen und Wahlmöglichkeiten sind dabei entscheidende Faktoren, die den Unterschied ausmachen können. Mit den richtigen Methoden und einer ganzheitlichen Herangehensweise können Kinder mit PDA ihre Autonomie positiv ausleben und sich gesund entwickeln.

Behandlungen biete ich in meiner Praxis in Düsseldorf an, sowie im Rahmen der intensiven Kurzzeittherapie, der individuellen Gesundheitsbegleitung und der Therapieferien.


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PDA und Schule: Herausforderungen und Lösungsansätze für ein stressfreies Lernen


Einführung

Pathological Demand Avoidance (PDA), besser übersetzt als „pervasives Bedürfnis nach Autonomie“, stellt eine besondere Herausforderung im schulischen Umfeld dar. Es wird geschätzt, dass nur etwa 30% der Kinder mit PDA als „schulfähig“ gelten. Dies liegt vor allem daran, dass der Schulalltag mit seinen ständigen Anforderungen, unerwarteten Reizen und sozialen Interaktionen oft eine überwältigende Belastung für diese Kinder darstellt. Im Folgenden wird erläutert, warum dies so ist und welche Strategien entwickelt werden können, um PDA-Kindern ein stressfreieres Lernen zu ermöglichen.

Warum die Schule eine Herausforderung darstellt

Kinder mit PDA haben aufgrund ihrer neurobiologischen Besonderheiten, insbesondere der Aktivierung des Furcht-Lähmungs-Reflexes und des Moro-Reflexes, oft Schwierigkeiten, auf Anforderungen angemessen zu reagieren. In einer Umgebung wie der Schule, in der Anforderungen allgegenwärtig sind, können diese Reflexe eine starke Abwehrreaktion auslösen, die sich auf verschiedene Weise äußern kann:

Rückzug (Flight): Das Kind zieht sich zurück, um den Anforderungen zu entkommen, was häufig als „Verweigerung“ interpretiert wird.

Aggression (Fight): Bei überwältigender Angst oder Frustration kann es zu aggressivem Verhalten kommen, als Schutzreaktion vor der empfundenen Bedrohung.

Einfrieren (Freeze): Das Kind kann in einem Zustand der Starre verharren und ist nicht in der Lage, auf Anweisungen oder Anforderungen zu reagieren.

Überanpassung (Fawning): Hierbei passt sich das Kind übermäßig an, um Konflikte zu vermeiden, was langfristig zu einer Überlastung und einem Verlust des Selbstgefühls führen kann.

Intensive Sinneseindrücke als zusätzliche Belastung

Kind hält sich die Ohren zu AdobeStock 524827261 kleinNeben den Anforderungen sind die intensiven Sinneseindrücke in einer Schule für PDA-Kinder oft schwer zu ertragen. Ein versehentliches Anrempeln im Flur, laute Geräusche, unerwartete Veränderungen wie Vertretungsunterricht oder die Umstellung des Klassenraums – all diese Reize können eine starke Überforderung und Stressreaktionen auslösen. Diese ständigen Reize führen dazu, dass das Nervensystem der Kinder ständig in Alarmbereitschaft ist, was es ihnen nahezu unmöglich macht, sich auf den Unterricht zu konzentrieren oder in einem normalen Schulumfeld zu bestehen.

Lösungsansätze: Kleine Klassen, reizarme Umgebung, Homeschooling

Um PDA-Kindern das Lernen zu erleichtern, ist es entscheidend, die schulische Umgebung und den Unterricht an ihre Bedürfnisse anzupassen:

Kleine Klassen: In kleinen Klassen ist es leichter, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Lehrer können eine engere Beziehung zu den Schülern aufbauen und schneller auf Anzeichen von Überforderung reagieren.

Reizarme Umgebung: Ein ruhiges, übersichtliches Klassenzimmer mit wenigen Ablenkungen kann das Stressniveau erheblich senken. Im Klassenzimmer sollten Ruheecken vorhanden sein, es sollte die Arbeit im Nebenraum ermöglicht werden. Auch kann es hilfreich sein, z.B. über das Auslegen von Teppichen oder das Anbringen schallabsorbierender Materialien den Lärmpegel reduzieren.

Kurzunterricht oder Heimunterricht: Für einige PDA-Kinder kann es hilfreich sein, den Unterricht auf kürzere Einheiten zu verteilen oder den Heimunterricht in Betracht zu ziehen. In einer vertrauten, kontrollierten Umgebung können sie sich besser konzentrieren und die Anforderungen besser bewältigen.

Rückzugsräume: In der Schule sollte es spezielle Rückzugsräume geben, in denen die Kinder ihr Nervensystem beruhigen können. Diese Räume könnten eine Höhlenecke mit weichen Kissen, taktilen Materialien, angenehmer Beleuchtung, beruhigenden Klängen und einer sanften Schaukel enthalten. Der Zugang zu solchen Räumen sollte den Kindern jederzeit ermöglicht werden.
Kind mit Ohrenschützern AdobeStock 445898992 klein
Geräuschdämpfende Kopfhörer: In jedem Raum sollten geräuschdämpfende Kopfhörer zur Verfügung stehen, die den Kindern helfen, sich in einer ruhigen Umgebung auf ihre Aufgaben zu konzentrieren.

Nervensystem-regulierende Übungen im Schulalltag

Um das Stressniveau der Kinder zu senken und ihre Fähigkeit zur Selbstregulation zu fördern, sollten nervensystem-regulierende Übungen in den Schulalltag integriert werden. Dies könnten kurze Yoga- oder Atemübungen, achtsame Pausen oder gezielte Bewegungssequenzen sein, die den Kindern helfen, sich zu entspannen und zu zentrieren. Diese Übungen sollten regelmäßig angeboten werden, um den Kindern eine konstante Unterstützung zu bieten.

Fazit: Ein ganzheitlicher Ansatz für PDA-Kinder in der Schule

Kinder mit PDA benötigen eine besondere schulische Umgebung, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingeht. Kleine Klassen, eine reizarme Umgebung, individuelle Unterrichtsformen und Rückzugsräume sind essenziell, um ihnen ein stressfreies Lernen zu ermöglichen. Geräuschdämpfende Maßnahmen und nervensystem-regulierende Übungen sollten ebenso zum festen Bestandteil des Schulalltags gehören. Indem man diesen Kindern die Möglichkeit gibt, sich in einem sicheren und kontrollierten Umfeld zu bewegen, wird nicht nur ihre Kooperationsbereitschaft gefördert, sondern auch ihre langfristige Entwicklung und ihr Wohlbefinden gestärkt.

 

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